Europas Krisen

Kampf gegen den Terror

Terroristen radikalisieren sich zuhause

Unmittelbar nach 9/11 war die Situation für die europäischen Geheimdienste relativ überschaubar: Islamistischer Terror in der westlichen Welt ging im Wesentlichen von der Terrororganisation Al-Kaida aus, die straff hierarchisch organisiert war mit Osama bin Laden an der Spitze. Sie agitierte nahezu ausschließlich über Video- und Audiobotschaften, die über die etablierten Medien (Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen) an die Öffentlichkeit gelangten und auf YouTube und in anderen Sozialen Netzwerken geteilt und konsumiert werden konnten.

Bereits vor dem Tod Osama bin Ladens 2011 und dem damit verbundenen Macht- und Einflussverlust Al-Kaidas prägte der Terrorismus-Experte Guido Steinberg den Begriff der neuen Internationalisten: Einzelpersonen, die sich ausschließlich zu Hause über das Internet radikalisieren, oft innerhalb weniger Monate. Sie sind in keine offizielle Kommandostruktur eingebunden, agieren entweder als Einzeltäter oder in kleinen Zellen und sind für Fahnder daher nur schwer früh zu erkennen. Als Beispiel nennt Steinberg die sogenannte Sauerlandzelle, deren Mitglieder Anschläge auf amerikanische Einrichtungen in Deutschland planten und im September 2007 verhaftet wurden. Diese jungen Muslime radikalisierten sich und suchten dann aus eigener Initiative den Kontakt zu terroristischen Organisationen beispielsweise in Pakistan oder im Jemen und nutzten deren Ausbildungsangebote. Sie konnten unerkannt und unüberwacht auch ins Ausland reisen, um sich militärisch ausbilden zu lassen und wurden erst nach der Wiedereinreise als mögliche Gefährder erfasst.

Einstieg über den Salafismus

Eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung spielt der Salafismus. Viele Experten sehen in ihm quasi eine Einstiegsdroge in den gewalttätigen Islamismus: Nicht jeder Salafist wird zum Terroristen, aber jeder der bisher in Erscheinung getretenen terroristischen Täter hatte zuvor eine Nähe zum Salafismus.

Der Salafismus ist eine religiöse und politische Bewegung des Islams, der auf einer buchstabengetreuen Auslegung des Korans beruht und nur von einer kleinen Minderheit der Muslime getragen wird. Salafisten orientieren sich an den ersten Anhängern des Propheten Mohammed, sie lehnen westliche Demokratien ab und sehen eine "islamische Ordnung" mit islamischer Rechtsprechung (Scharia) als einzig legitime Staats- und Gesellschaftsform an.

Sie vertreten einen rückwärtsgewandten Ur-Islam und wenden sich gegen jede theologische Modernisierung. Die Gleichberechtigung der Geschlechter lehnen Salafisten ab. Aus ihrer Sicht weist der Islam Frauen allein die Rolle der Ehefrau und Mutter zu.

Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Großbritannien sind die Länder mit den größten Salafisten-Szenen in der EU, sie haben hier den gößten Zustrom von allen Strömungen des Islam. Vor allem aber: Ihre Präsenz in den Medien dominiert. 2015 gab es in Deutschland nach Zahlen des Bundesinnenministeriums mehr als 7.000 Salafisten - fast doppelt so viele wie noch vier Jahre zuvor. In Frankreich würden etwa 100 Moscheen von Salafisten kontrolliert, so ein ranghoher Vertreter der Sicherheitsbehörden. Angesichts von mehr als 2.000 muslimischen Gotteshäusern sei dies zwar ein geringer Prozentsatz, doch habe sich ihre Zahl im Vergleich zu vor vier Jahren mehr als verdoppelt.

Und auch in Großbritannien wächst ihre Zahl. Sieben Prozent der 1.740 Moscheen würden von Salafisten betrieben, erklärt Mehmood Naqshbandi, ein Antiextremismusberater der britischen Regierung. Der Salafismus habe Zulauf, insbesondere unter jungen Menschen. Ein Viertel bis die Hälfte der britischen Muslime unter 30 akzeptierten die salafistische Theologie in Teilen oder als Ganzes, sagt er. Experten zufolge versuchen Salafisten auch in Frankreich im Geheimen, Moscheen zu übernehmen. Zunächst bildeten sie eine Anhängerschaft, dann fingen sie an, den Imam zu kritisieren, um die Kontrolle über die Gläubigen zu gewinnen, sagen Vertreter der Sicherheitsbehörden und moderate Muslime. Jugendliche und Konvertiten gelten als besonders empfänglich für solche Botschaften.

Mathias Rohe, der als Jurist und Islamwissenschaftler unter anderem den Verfassungsschutz berät, sieht die Bewegung in Deutschland vor allem als attraktiv für gesellschaftliche Randfiguren mit niedrigem Bildungsniveau sowie "gewendete Kleinkriminelle" an. Bei der Analyse von Propaganda-Videos deutscher Salafisten habe er zudem festgestellt: "Von den prominenten Salafisten aus Deutschland kann kaum einer einen geraden Satz reden - und das gilt nicht nur für die Söhne muslimischer Einwanderer, sondern auch für viele deutsche Konvertiten, die sich der Bewegung angeschlossen haben." Im Bürgerkriegsland Syrien würden sie "gerne zu Selbstmordattentaten geschickt, weil sie zu sonst nichts gut sind", so Rohe. Islamexperten unterteilen die Salafisten in drei Gruppen: traditionell passiv-unpolitische Gläubige, politisierte Gläubige und jener harte Kern von Gläubigen, der dem Ruf des Dschihads folgt.

Missbrauchte Religion

Salafismus wird heute häufig mit "gefährlich" gleichgesetzt. In Deutschland werden Salafisten als Extremisten eingestuft, und die Sicherheitsbehörden in Europa sehen eine direkte Linie von der friedlichen Version des Glaubens zur Version, die sich für den Dschihad begeistert. "Die Brücke ist kurz", sagt Alain Rodier, ein früherer Geheimdienstmitarbeiter, heute ein Experte für Terrorismus. Prinzipiell sollte der Salafismus keinen Anlass zur Sorge bieten, sagt Naqshbandi, der britische Regierungsberater. Doch seine einfache Botschaft bedeute, dass sich ihn jeder für seine eigenen Zwecke zurechtbiegen könne. Die Terrormiliz Islamischer Staat sei das beste Beispiel dafür, wie die Theologie missbraucht werden könne.

In Frankreich schließen die Behörden seit den Terroranschlägen vom Januar 2015 in Paris Internetseiten, die den Terrorismus verherrlichen, und setzen auf ein Ausbildungsprogramm für Imame, um diesen die Werte der französischen Republik nahezubringen. Kritikern zufolge verletzt die Polizei in ihrem Bestreben, salafistische Extremisten zu überwachen, häufig die Religionsfreiheit. "Es wäre naiv zu glauben, dass es niemals ein Risiko gibt", sagt der Salafismusexperte Samir Amghar. Doch wer jedes Zeichen eines ultrakonservativen Islams für eine Gefahr halte, riskiere, "eine große Mehrheit der Muslime zu stigmatisieren".

Gewalt wichtiger als Religiosität

Der französische Extremismus-Forscher Olivier Roy, der sich mit dem Lebensweg von Extremisten befasst, kommt zu folgenden Einschätzungen über gewaltbereite Dschihadisten: "Kaum jemand war jemals aktives Mitglied einer örtlichen muslimischen Gemeinde", lautet sein Fazit. Nur sehr wenige Radikale hätten eine militante Vorgeschichte, viele seien zuvor kleinkriminell gewesen und hätten kein sonderlich religiöses Leben geführt. Typisch sei vielmehr eine ganz plötzliche Hinwendung zur Gewalt.

Roys Erkenntnisse stehen in einem gewissen Widerspruch zu den auch in Deutschland häufig zu hörenden Forderungen, Imame und Moscheegemeinden müssten mehr dafür tun, um potenzielle Anhänger des Dschihad vor der Radikalisierung zu retten. Forderungen, deswegen den moderaten Islam zu fördern, seien "unsinnig", sagte der Franzose. Tatsächlich habe nämlich kaum jemand Einfluss auf die jungen Extremisten. Gemäßigte Muslime, selbst die eigene Familie und alle anderen außerhalb des eigenen verschworenen Zirkels würden von den Terrorkämpfern als Verräter gesehen. Selbst im Krieg, in Ländern wie Syrien oder dem Jemen, seien die Dschihadisten isoliert von der örtlichen muslimischen Bevölkerung. Die jungen Kämpfer aus Europa identifizierten sich nicht mit den arabischen Einheimischen und müssten deshalb auch "importierte" Ehefrauen heiraten. Kontakte zu den Eltern würden in der Regel abgebrochen. Dieses Verhalten entspreche nicht den islamischen Traditionen und sei auch ganz anders als beispielsweise bei radikalen Palästinensern.

Ähnliche Erfahrungen schildert auch Souad Mekhennet von der "Washington Post", die einst Gelegenheit hatte, den Islamisten und früheren "Gangsta-Rapper" Denis Cuspert kennenzulernen. Bevor er untertauchte und nach Syrien in den Krieg zog, hatte er der Journalistin von seinem Weg in die radikale Szene berichtet. Der Berliner sei ursprünglich wohl aus Empörung über den Irakkrieg, die Drohneneinsätze und eine generelle "westliche Doppelmoral" zu den Islamisten geraten. Moscheegemeinden hätten dabei keine Rolle für Cuspert gespielt, weil dort niemand mit ihm über Politik diskutieren wollte.

Das Bundeskriminalamt will in seinem Kampf gegen islamistische Gewalttäter nach den jüngsten Ereignissen in Paris und Hannover weiter auf eine "Mischung aus Repression und Prävention" setzen. Doch welches Vorgehen wirklich hilft, ob Aussteigerprogramme für Rechtsextreme auch bei Islamisten angewandt werden können - auf all diese Fragen gibt es bislang kaum verlässliche Antworten.