Europas Krisen

Grexit - Griechenland noch zu retten?

Das Horror-Szenario - Chancen und Gefahren eines Grexit

Soll Griechenland in der Eurozone bleiben oder nicht? Zwei Professoren aus dem Bereich Wirtschaft kamen im Juli 2015 zu keinem klaren Votum. Hanno Beck von der Hochschule Pforzheim und Hans-Peter Burghof

von der Universität Hohenheim konnten sich nur darauf einigen: Letztlich gibt es keine allgemeingültige wissenschaftliche Antwort. Ob Griechenland ohne den Euro besser aufgestellt wäre, käme auf die Umsetzung durch die Politik an. Das gilt nach wie vor.

Milliardenschwere Hilfspakete, ein teilweiser Schuldenschnitt, Sparprogramme – und noch immer muss Griechenland den Staatsbankrott fürchten. Als unsolide galt der Athener Haushalt zwar schon vorher, doch 2009 offenbarte sich die ganze Dimension der griechischen Krise. Seitdem beherrscht eine noch ungelöste Staatsschuldenkrise Griechenlands Politik, die Wirtschaft und das Leben der Bevölkerung. Je mehr Athens Probleme sich verschärfen, desto mehr diskutiert die EU den Grexit. Griechenland bliebe dabei zwar EU-Mitgliedsstaat, träte aber aus der Währungsunion aus und gäbe damit den Euro auf. Führende Ökonomen gehen davon aus, früher

oder später sei ein solches Ausscheiden – eventuell auch unbeabsichtigt („Graccident“) – sicher. Es verzögere sich lediglich durch immer neue finanzielle Hilfen. In Frage käme auch ein zeitweiliger Grexit, in dessen Folge sich das Land finanziell erholen könnte und später wieder in den Euroraum zurückkehrte. Die Auswirkungen eines Grexit lassen sich nur schwer einschätzen. Ein Ausscheiden aus dem Euro in den EU-Verträgen ist nicht vorgesehen und somit juristisch schwieriges Terrain. Juristisch geradliniger wäre ein Komplett-Ausstieg aus der EU – ein Worst-Case-Szenario für die Union.

Pro Grexit: Wettbewerbsfähigkeit

  • Der Grexit ist die einzige Chance, die griechische Wirtschaft international wieder wettbewerbsfähig zu machen. Je niedriger der Wechselkurs der neuen Währung ist, desto billiger werden Investitionen in Griechenland.
  • Der Arbeitsmarkt wird belebt, was insbesondere den vielen erwerbslosen Jugendlichen zugutekommt.
  • Da Importe teurer wären, würden die Menschen verstärkt heimische Waren kaufen, was vor allem der Landwirtschaft gut tut.
  • Für Ausländer wäre das südosteuropäische Land aufgrund der billigen Drachme touristisch attraktiv.

Contra Grexit: Wettbewerbsfähigkeit

  • Nach einem Grexit werden Importe extrem teuer. Versorgungsengpässe, zum Beispiel bei Benzin und Medikamente aus dem Ausland, wären programmiert. Aufgrund der derzeitigen Flüchtlingsströme wären von der humanitären Notlage nicht nur die Griechen selbst, sondern auch die Flüchtlinge betroffen.
  • Es droht hohe Inflation. Dies würde Griechenland wohl für lange Zeit vom internationalen Kapitalmarkt isolieren.
  • Da Griechenlands Schulden größtenteils in Euro zu begleichen sind, erhöhte sich die Staatsverschuldung zusätzlich.

Pro soziale Krise

  • Die Beschäftigungsrate stiege, wenn Griechenland wettbewerbsfähig wäre. Der Lebensstandard erhöhte sich.

Contra soziale Krise

  • Durch die verteuerten Importe und die höhere Inflation verarmten noch mehr Griechen. Die soziale Krise verschärfte sich.

Pro Die Reaktionen der Griechen

  • Die Mehrheit der Griechen empfindet die Kontrollen durch die internationalen Geldgeber als Fremdherrschaft. Ein Ende des Euro empfänden die Bürger als Segen.

Contra Die Reaktionen der Griechen

  • Ein Großteil der Griechen bekennt sich nach wie vor zum Euro. Lange Schlangen vor den Bankautomaten, Abhebungen in Milliardenhöhe, versteckte Geldbündel unter der Matratze: ähnlich chaotische Zustände wie bei den Kapitalverkehrskontrollen im Sommer 2015.
  • Ein Run auf die Banken sowie politische Verwerfungen, Unruhen und die Stärkung antieuropäischer Bewegungen wären wahrscheinlich.

Pro Einfluss auf andere Krisenländer und die Finanzmärkte

  • Das Risiko, andere Krisenländer anzustecken, ist sehr gering. Die Finanzmärkte sind inzwischen auf einen möglichen Grexit eingestellt, ausländische Banken haben sich aus Griechenland zurückgezogen – eine Schockreaktion bliebe aus.

Contra Einfluss auf andere Krisenländer und die Finanzmärkte

  • Griechenland wäre nicht das letzte Land, das aus dem Euro ausstiege. Eine fatale Kettenreaktion wäre möglich. Hohes Risiko negativer Auswirkungen auf den Eurokurs und die Kurse europäischer Aktien.

Pro Geostrategie

  • Griechenland wird sich nicht von der EU und von der NATO abwenden. Das Land würde nach einem Grexit den EU-Binnenmarkt nutzen wollen. Es braucht die Sicherheit des Verteidigungsbündnisses.

Contra Geostrategie

  • Griechenland stellt einen militärisch wichtigen Stützpunkt im östlichen Mittelmeer dar. Griechenland könnte sich im Fall eines Grexit auch von der NATO abwenden. Sowohl für die EU als auch für das Verteidigungsbündnis würde Athen unberechenbar werden.

Pro Reformwille

  • Der Regierung mangelt es an echtem Willen zu Reformen und Sparprogrammen. Immer wieder spielt die Regierung auf Zeit und stellt sich gegen die Geldgeber. Auch die Bevölkerung lehnte im Juli 2015 in einem Referendum die Spar- und Reformvorschläge der Geldgeber ab.

Contra Reformwille

  • Mehrere Sparpakete und Reformen hat die griechische Regierung bereits auf den Weg gebracht. Die Mehrheit der Griechen befürwortet nach wie vor den Euro. Da die Einschnitte hart sind und einen Aufschwung verhindern, lehnen sie jedoch die harte Sparpolitik ab.

Pro Europäische Einigung

  • Die EU muss zu den Vorgaben stehen, die sie selbst für ihre Mitglieder aufgestellt hat – anstatt sie aufzuweichen. Die Union muss einsehen, dass es nichts bringt, ein Land um jeden Preis in der Gemeinschaft halten zu wollen. Mithilfe eines Grexits kann die EU ihrem Mitgliedstaat helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Gleichzeitig gewänne die Staatengemeinschaft endlich wieder Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der EU.

Contra Europäische Einigung

  • Ein Euro-Austritt wäre mit einem großen Vertrauensverlust der EU-Bürger, aber auch EU-Befürwortern auf der ganzen Welt verbunden. Ein Grexit käme einem Rausschmiss gleich; dabei muss die Union Solidarität mit den Schwachen zeigen. Die Glaubwürdigkeit der europäischen Staatengemeinschaft in der Welt wäre gefährdet.