Europas Krisen

Brexit - Union ohne Briten

Verlust oder Gewinn?

Der Thinktank Open Europe bringt die vielen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten eines Austritts für Großbritannien auf folgenden Nenner: "Zwischen einem Verlust von 2,2 Prozent und einem Zugewinn von 1,6 Prozent im Jahr 2030" sei beim Bruttoinlandsprodukt BIP alles drin - immer unter Berücksichtigung der nach einem Brexit wegfallenden Netto-Zahlungen in den EU-Haushalt. 2014 zahlte Großbritannien 4,9 Milliarden Euro mehr in den EU-Haushalt, als es herausbekam. Den tiefsten Wert sehen die Analysten für den Fall, dass London keinen guten Deal mit der EU hinbekommt und sich protektionistisch abschottet.

Der höchste wäre denkbar, wenn London ein liberales Handelsabkommen mit der Gemeinschaft aushandelte und seine eigene Wirtschaft weitgehend deregulierte. Zwei Jahre hätte Großbritannien Zeit, um neue Beziehungen zur neuen EU zu verhandeln. Beide Extreme sieht Open Europe aber als unwahrscheinlich an, den realistischen Rahmen sehen die Experten zwischen einem BIP-Verlust von 0,8 und einem Zugewinn von 0,6 Prozent.

Auch der britische Schatzkanzler Philip Hammond kommt zu dem Schluss, dass Großbritanniens Wirtschaft ohne EU-Austritt besser dran wäre. In einem Interview des BBC-Fernsehens wörtlich: «Wenn man nur die Wirtschaft betrachten würde, dann zeigt die Analyse deutlich, dass in der EU zu bleiben ein besseres Ergebnis für die Wirtschaft bringen würde.» Man müsse aber auch die "politischen Vorteile" dagegen abwägen.

Eine Untersuchung seines Finanzministeriums, die am 28. November 2018 präsentiert wurde, geht von einem verringerten Bruttosozialprodukt Großbritanniens für die ersten 15 Jahre nach dem Austritt aus - ohne konkrete Werte zu nennen. Und die britische Wirtschaft werde darunter leiden, wenn EU-Bürger nicht mehr freizügig im Königreich leben und arbeiten könnten.

Die Handelsbeziehungen mit der EU sind für die britische Wirtschaft sehr wichtig, sie müssen möglichst parallel zu den Austrittsverhandlungen neu verhandelt werden. Mehr als die Hälfte der britischen Exporte gehen in die EU-Staaten, mehr als die Hälfte der Importe kommen von dort. Mit dem Verlassen der EU verliert Großbritannien den Zugang zum Binnenmarkt zunächst – Importe würden teurer, Exporte erschwert.

Die Unklarheit über die Ausgestaltung des Brexit hat für die britische Wirtschaft schon jetzt spürbare Auswirkungen. Statt auf in Großbritannien gefertigte Teile setzen immer mehr Unternehmer auf Fabrikate aus anderen EU-Ländern.

Die Unsicherheit macht besonders den Autoherswtellern zu schaffen: Im September 2018 sank die Produktion in Großbritannien um fast 17 Prozent. Zur Furcht vor bürokratischen Hürden und Zöllen bei der Teileanlieferung infolge des Brexit kamen auch noch neue EU-weite Abgasvorschriften, die Zertifizierung durch die Hersteller erschwerte.

Die Prognosen über die Auswirkung eines Brexits auf das britische Bruttosozialprodukt (BSP) gehen deutlich auseinander: Sie schwanken von deutlichen Verlusten bis zu leichten Gewinnen. Das Ifo-Institut errechnete Wachstumseinbußen für die Briten zwischen 0,6 und drei Prozent. Düstere Prognosen verbreitet auch der britische Industrieverband, er fürchtet wegen der jahrelangen Unsicherheit eine Wachstumseinbuße von 5,5 Prozent bis 2020.

In den wichtigsten Branchen wie Lebensmittel und Tabak, Pharma, Finanzen und Luftfahrt erwirtschaftet die britische Wirtschaft den Löwenanteil im Exportgeschäft in die EU, ist aber auch bei den Importen stark auf den europäischen Binnenmarkt angewiesen. Derzeit importiert Großbritannien mehr als 40 Prozent seiner Waren und Dienstleistungen aus der EU - ein Volumen von 365 Milliarden Euro. Aus den USA und China kommen nur 65 beziehungsweise 48 Milliarden Euro. Daher ist es schwer vorstellbar, dass mittelfristig die Verluste aus dem EU-Geschäft durch andere Handelspartner ausgeglichen werden können.

Großbritannien ist nach wie vor das wichtigste Zielland für ausländische Direktinvestitionen in der EU. 46 Prozent kamen 2013 aus anderen EU-Staaten. Nach einer Umfrage des Unternehmerdachverbandes CBI und YouGov rechneten zwei Drittel der Unternehmer mit einem deutlichen Rückgang. Um gegenzusteuern, könnte Großbritannien einen ähnlichen Weg wie Irland gehen und Investitionen mit niedrigen Steuersätzen und lockerer Regulierung anlocken.

Enge Handels-Verflechtungen mit der EU

Insbesondere die City, die Kfz-, Chemie- und Pharmabranche litten voraussichtlich unter fehlendem Zugang, beziehungsweise Handelsbarrieren. Bei den Finanzdienstleistungen wird mit Verlusten von rund fünf Prozent gerechnet. Aus EU-Bankenkreisen ist keine große Bereitschaft zu erkennen, sich für eine bevorzugte Stellung der britischen Banken bei Geschäften in der EU beziehungsweise mit der Eurozone nach dem Austritt stark zu machen. Großbritannien wird besonders auf diesem stark regulierten Feld den Nachteil haben, dass es die Regeln, denen es unterliegt, nicht mehr mitverhandeln kann.

Für den Bereich Chemie rechnet eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und des ifo-Instituts sogar mit elf Prozent Handelsrückgang. Aber auch der Maschinenbau und die Kfz-Branche wären stark betroffen. 35 Prozent der britischen Industrie-Exporte in die EU könnten nach vollzogenem Austritt einem höheren Zollsatz unterliegen, vor allem betroffen auch hier die Bereiche Kfz, Lebensmittel und Chemie.