Europas Krisen

Brexit - Union ohne Briten

Ohne Großbritannien fehlt etwas

Großbritannien ist Nuklearmacht und liegt EU-weit nach Angaben von SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) bei den Rüstungsausgaben auf Platz zwei. Nur Frankreich investiert in Europa mehr in seine Streitkräfte. Nach einem Ausscheiden Großbritanniens aus der Union aus bliebe dies für die Verteidigung der EU zwar weitgehend folgenlos, da das Land nach wie vor NATO-Mitglied wäre. Gemeinsame militärische Missionen mit EU-Partnern werden aber unwahrscheinlicher.

Die britische Wirtschaft hatte 2016 einen Anteil von knapp 16 Prozent am kombinierten Bruttoinlandsprodukt der EU. Das Herz der Finanzbranche schlägt in der Londoner City, eine Transplantation verliefe sicher nicht reibungslos, zumal Städte wie Frankfurt, Paris, Amsterdam und Dublin um Teile dieses Herzens streiten werden.

Auch der Publizist Timothy Garton-Ash sieht die Hauptdefizite einer EU ohne Großbritannien im wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Bereich.

Im EU-Haushalt werden nach einem Austritt Großbritanniens knapp zehn Prozent netto fehlen. Trotz "Briten-Rabatt" war Großbritannien zwischen 2010 und 2015 hinter Deutschland der zweitgrößte Nettozahler in den EU-Haushalt. Durchschnittlich 7,3 Milliarden Euro zahlte London mehr ein, als es herausbekam. Fallen die Briten aus, muss neu über die Finanzierung des EU-Budgets verhandelt werden.

Soll der EU-Haushalt nicht gekürzt werden, müssen die anderen Nettozahler die Lücken füllen, allen voran also Deutschland als wirtschaftsstärkstes Mitglied. Wie viel Geld Deutschland zusätzlich nach Brüssel überweisen muss, ist abhängig von Verhandlungen und lässt sich deshalb vorher nicht exakt beziffern. Bundesfinanzminister Scholz geht gegenwärtig davon aus, dass der EU-Haushalt weiterhin ein Prozent des Bruttonationaleinkommens der EU umfassen wird. Durch den Brexits komme auf Deutschland ab 2012 eine Mehrbelastung von im Schnitt 10 Milliarden Euro pro Jahr zu.